Dienstag, 7. Februar 2017

Eira und Vigrid

Im Januar war ich zum ersten Mal auf einer Veranstaltung der Broken Crown Kampagne.
Da ich Neuspielerin war, wurde mir angeboten, erst mit einer GSC Rolle zu kommen und später, im Verlauf vom Samstag, in meine neue SC Rolle zu schlüpfen.

Die Gelegenheit war so gut, dass ich für die GSC Rolle endlich Eira, die blinde Skaldin spielen wollte. Ein blinder SC Charakter wäre dann doch etwas heftig gewesen.

In den Tagen und Wochen vor dem Con habe ich recht viel Zeit darauf verwendet, meine irische Metallsaitenharfe blind spielen zu lernen. Das ist gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass normalerweise beim Harfespielen gutes Licht absolute Voraussetzung ist. Bei meiner chromatischen Harfe habe ich mir sogar oben einen LED Streifen einbauen lassen, damit ich auf schlecht beleuchteten Bühnen und auf Larp die Saiten besser sehe.

1790, vor dem Aussterben einer Jahrhunderte alten Skaldentraditin organisierte Dr. James MacDonnel ein Treffen von Harfnern in Belfast, um deren Musik aufzuschreiben zu lassen. Ansonsten wären auch diese Überbleibsel einer vorwiegend mündlich überlieferten Tradition für immer verloren für uns. 10 Harfner kamen - davon waren 6 blind. Es musste also einen Weg geben.

Mit der Zeit habe ich einige Tricks gefunden: Mit der linken Hand spiele ich oft Grundton, Quinte und Oktave. Diesen Abstand kennt meine Hand sehr gut. Oft ist der Grundton des neuen Akkrodes die Quinte vom alten. Mache ich einen Sprung, ist die Saite die richtige, die noch vibriert.
Die vibrierende Saite kann auch genutzt werden, um einen Ton darüber oder darunter zu lokalisieren. Bei kleinen Sprüngen hilft ein "stummes-die-Saiten-entlang-klettern" wenn das Tempo dies erlaubt.
Generell ist blindes Spielen eher ein Tasten. Während einer Rhythmuspause kann ein Anfangston leise auf seine Richtigkeit gecheckt werden. Fehler passieren häufig, sind jedoch nicht schlimm. Wenn mein Gehör nicht nur schnell erkennt, dass ich falsch bin, sondern vor allem, wo ich bin und wo ich hin muss, dauert eine Korrektur im besten Fall Sekundenbruchteile.

Die von der Orga geschriebenen Liedtexte mussten natürlich auch gut sitzen, denn ich würde sie nicht mehr nachlesen können.

Der nächste Punkt waren weiße, blinde Kontaktlinsen, denn ich wollte wirklich blind sein und erfahren, wie die Welt sich in diesem Zustand anfühlt. Das Einsetzen habe ich die Tage vor dem Con geübt und es hat dann auch gut geklappt. Durch weiße Kontaktlinsen sieht man hell und dunkel, bei gutem Licht auch Konturen und eventuell Abstände.

Auf der Con selbst bin ich erst nach Time In angekommen. Dadurch hatte ich vorher nicht die Gelegenheit, mir ein ausgiebiges Bild der Location zu machen. Dank hilfsbereiter Spieler wurde ich in jene Räume geführt, wo ich sein wollte. Also in die Taverne:
Viele Menschen, viele Stimmen, Lärm, Dunkel. Wie groß ist der Raum? Wo sind die Pfosten und Hindernisse, wo kann ich durch? Am Anfang war ich erstmal wie eingesperrt auf meinem Platz, weil der Freiraum, der mir zur Verfügung stand und durch die Augen definiert wird, einfach weg war.

 Man stellt sich eine Person hinter jeder Stimme vor, aber nur die markantesten unter ihnen konnte ich wieder erkennen. Bei den meisten wusste ich nicht, ob ich schon mit ihnen gesprochen hatte oder nicht, wenn ich sie ein zweites Mal sprach.
Viele neue Namen, viele Clansnamen... für mich als Kampagnenneuling ein Riesen Wirrwarr.
In Sachen Stimmen erkennen und Namen merken hatte ich mich als talentierter eingeschätzt.

Wo hatte ich meinen Becher nochmal hin gestellt? In meiner Tasche oder auf dem Tisch? Wo auf dem Tisch? Hat ihn jemand weg geräumt?

Mein GSC Charakter hatte ich eine Aufgabe: Die dunklen, melancholischen Propagandalieder für den Plot zu verbreiten. In einer Taverne, die für gewöhnlich ein fröhlicher Ort ist, ist eine solche Stimmung meistens nicht erwünscht. Wenn Leute reden und laut sind, dann ist das mittlerweile kein Problem mehr für mich, auch wenn ich OT lieber Konzerte spiele, wo das Publikum zuhört.
Doch es war so laut, dass ich meine Harfe teilweise nicht mehr hörte. Und wie oben beschrieben ist das sehr essentiell, wenn ich die Saiten nicht sehe.

Die letzte Schwierigkeit: Ich bin nicht gerade die Queen des Smalltalk. Man hat so seine Standardfragen: Name, Clan, wie sieht es hier aus, politische Einstellung... Hält man aber das Gespräch nicht in Gang, wird es langweilig und der Gesprächspartner verschwindet. Viele weitere Gesprächspartner sind anwesend, aber keiner davon sichtbar, Entfernungen einschätzen ist allein durch Gehör war auch nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Durch das Hell-Dunkel Bild durch die Kontaktlinsen konnte ich Gott sei Dank alle offenen Türen an ihrem Umriss erkennen. Am Anfang bewegte ich mir sehr vorsichtig durchs Haus, da ich die Wege und Stufen noch nicht kannte. Der Blindenstab war dafür eine unentbeherliche Hilfe und ich kam immer schneller voran, je öfter ich die Wege ablief.
Mit der Zeit hat auch das Gefühl des Eingesperrt-seins nachgelassen und bereits am zweiten Tag fühlte ich mich schon wieder fast frei.

Dadurch, dass ich beim Harfespielen im Augenwinkel nicht sah, ob mir jemand zuhörte, ob derjenige eine Reaktion zeigte, konnte mich das gar nicht ablenken.
Oft stehe ich Geige spielend auf der Bühne, beobachte das Publikum und frage mich, das dieser oder jener Blick zu bedeuten hat. Diese Paranoia war quasi weg. Großartig!

Als ich dann am Samstag Nachmittag zu meinem neuen SC Charakter, Vigrid, vom Clan der Kilker wechseln konnte, war das eine Befreiung. Nicht nur, dass Vigrid ein einfaches Gemüt ist, gerne eine Heldin wäre, ich aber generell keine großen Taten in ihrer Haut verbringen muss: Ich sah endlich, mit wem ich sprach, konnte die Location in allen Farcetten genießen und ich hatte auch keinen Smalltalkstress.

Die Gewandung war ähnlich wie das blinde Harfenspiel zeittechnisch eine knappe Sache und wurde einen Tag vor der Con fertig:


Nicht zu sehen sind der Gürtel und meine neue Axt. Somit habe ich mit einem neuen Möchtegern Kriegercharakter einen schönen Kontrast zu meinen bisherigen Charakteren.

Eine Freundin von mir spielte meine IT Schwester. Wir trugen beide ein rotgelocktes Haarteil und hatten Sommersprossen aufgemalt. Es hat Spass gemacht, so im Partnerlook rumzulaufen und die Bodyguards eines betuchten Händlers zu sein.

Fazit zu Rollenwahl: Seit meiner Kindheit habe ich mich immer wieder gefragt, wie es denn wohl wäre, blind zu sein. Daher war es super, dass ich das endlich mal ausprobieren konnte. Gut war auch, dass es nur ein GSC Charakter war. Ich hätte keine Lust, das nochmal über einen längeren Zeitraum zu machen. Ich hätte allerdings nichts gegen einen Kurzauftritt von Eira in der Zukunft, falls es sich ergeben sollte.
Der Wechsel zu einem einfach gestrickten Charakter, der keine besonderen Aufgaben hat und alles erst mal neu und frisch erlebt, war ein schöner Kontrast.


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